Handschlag von Werk und Urheber

Von Ulla Hess

Heppenheim/Kreis Bergstraße/Region. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Bei Dr. Roland Held greift die Redewendung: Ein Portrait des Stahl-Künstlers Jürgen Heinz in dessen noch druckfrischen, über 100 Seiten umfassenden Werkkatalog hat bei dem Kunstkritiker aus Darmstadt einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Was sieht der Betrachter? „Einen Handschlag von Werk und Urheber, der einen entscheidenden Moment fixiert“, befand Held in seiner viel beachteten Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung am Sonntagnachmittag in der Galerie „la petite“ in der Heppenheimer Altstadt. Und schiebt die Detail-Erläuterung in nahezu gleichem Atemzug nach: Das „quasi noch stillgestellte“ Werk - die Aufnahme zeigt den Künstler mit seiner Plastik „Two Tone II“ - werde seiner ästhetischen Bestimmung übergeben. Just in dem Moment, als sein Schöpfer es loslässt, ja es freigibt, so könnte man es auch formulieren.

Einzig diese Betrachtungsweise ließ die zur Vernissage zahlreich erschienenen Kunstfreunde aufhorchen. Die gute Resonanz freute auch die Galeristen Anuschka Göttmann-Eich und Dirk Eich, die das Erdgeschoss des altehrwürdigen Fachwerkhauses, nur einen Steinwurf vom Marktplatz entfernt und in der Denkmaltopographie des Landes Hessen gelistet, in ein wahres Schatzkästlein verwandelt haben. In der kleinsten Galerie Deutschlands wird seit Eröffnung im Dezember im Vier-Wochen-Rhythmus Künstlern die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen. Bis zum 6. März nun also die „Moving Sculptures“ von Jürgen Heinz, die - so Laudator Dr. Roland Held - „stark mit Bewegung zu tun haben“. Wie es der Name schon verrät.

 

Dialog als Lesart

Die hervorgerufene Faszination seiner Stahl-Kunst rühre aber nicht ausschließlich von dem Schwingen, Pendeln oder Federn, ausgelöst durch eine behutsam-zarte Berührung. Die Lesart des Ausnahmekünstlers mit Alleinstellungsmerkmal ist viel weiter gegriffen: Dialektik und Dialog stehen als weitere Schlagworte im Fokus der bewegten und bewegenden Stahl-Plastiken. Zu Letzterem - der Interaktion zwischen Mensch und Objekt - äußert sich Jürgen Heinz zitierfähig selbst: „Man muss es berühren, damit etwas zurückkommt.“ Wie wahr! Davon lebt seine Kunst im Allgemeinen, seine Moving Sculptures im Besonderen. Auf die - bewusst einen Spannungsbogen bildend - vermeintlichen Gegensätzen seiner Plastiken wie Schwere und Leichtigkeit, Stummheit und Klang oder auch Gebundensein und Freiheit wurde bereits vielfach in Beiträgen und Publikationen hingewiesen. Ein Charakteristikum von unschätzbarem Wert. Ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt.

„Wenn die Menschen am Schmiedefeuer sind, dann passiert was mit denen“: Jürgen Heinz bemüht nur allzu gerne den Vergleich mit einer brodelnden Vulkaninsel. Ein tolles Gefühl sei es, „das löst was in dir aus“. Nicht anders sieht es Roland Held, der sich bei einem Atelier-Besuch in Lorsch nicht nur beeindruckt zeigte von dessen umfangreichem Apparate-Park. u.a. Amboss, Lufthammer und Werkzeugbank zugehörig, sondern zuvorderst von der „mit Steinkohle auf Betriebstemperatur beheizten Esse“. Das können bis zu 1100 Grad sein, die den Stahl zum Glühen bringen. Womit wir beim Archaischen wären, das Jürgen Heinz um- und antreibt. Beileibe ist er nicht der Erste, dem es so ergeht, wies der Kunstkritiker auf „die mächtige, magische Rolle des Schmieds in Mythen und Sagen“ hin, um die der Künstler wisse.

Das - Zitat Held - „reduzierte Formvokabular“ rücke seine Plastiken „in die Nähe“ der Konkreten Kunst, die nicht die sichtbare Welt abbilden möchte: „Eine Kunst, die nur sich selbst bedeutet.“ Daher kommen den Farben (in der Malerei), Formen, der Linie und erweitert auch den Materialien eine besondere Bedeutung zu. Bei Jürgen Heinz ist das so. Dem Betrachter fällt sofort die Geradlinigkeit seiner Werke ins Auge, dessen dominanten Grundgegebenheiten Rechtecke, Quader, Zylinder oder der Kreis ist, seltenst aber - allenfalls einmal zurückhaltend und bewusst akzentuierend eingestreut - verspielte Elemente. Einen Schnörkel zu viel wird man vergebens in den Schaffensepochen des gebürtigen Bensheimers suchen. Und das ist auch gut so, ja überaus wohltuend.

 

Puristisch, aber voller Sinnlichkeit

Wenn wir schon bei der Einordnung seiner Kunst sind: Mit den Moving Sculptures hat Heinz einen Meilenstein in seinem Genre gesetzt, etwas in dieser Form noch nie Dagewesenes, dass die Bezeichnung Neue Konkrete Kunst zutreffender erscheinen lässt. Begründet ist dies auch in der künstlerischen Freiheit, die sich der Metallbildhauer nimmt. An einen Ausspruch des gebürtigen Schweizers Max Bill anknüpfend, der als bildender Künstler ebenso wie als Designer und Architekt Karriere machte, konstatierte Roland Held, dass der Stahl-Künstler „Gegenstände für den sinnlichen, seelischen und geistigen ,Gebrauch‘ kreiert. Auch wenn seine Werke beim ersten Anblick zumeist minimalistisch, ja geradezu reduziert wirken, komme für Jürgen Heinz „Purismus ohne Sinnlichkeit nicht infrage“. „Meine Arbeiten haben eine Seele“, sagt er denn auch selbst.

Seinen Niederschlag findet dies - handwerklich betrachtet - unter anderem in der facettenreichen Gestaltung der Oberfläche - eben gerade nicht „fanatisch der reinen Lehre folgend“, betonte Kunstexperte Held in seiner fachlich-versierten und doch kurzweilig gehaltenen Einführung. Die ausgestellten Werken in der „la petite galerie“ legen beredtes Zeugnis davon ab: Mal ist der Stahl gerostet wie bei der Plastik „Freundschaft II“, dann wieder changierend - bestes Beispiel „In One Another“ -, mal tief Schwarz, dann wiederum in einem satten dunklen Anthrazit eingetaucht à la „Runner“ und „Curious“. Glänzend geht auch, wie uns die geschwungene Plastik „Federleicht“ lehrt, ebenso der „Flügelschlag“ (Federstahl). Die Bewegung aus der vermeintlichen Starre heraus hin zu einer nahezu fast unwirklich erscheinenden Wandlung ist das eine, für den geneigten Kunstbeflissenen zumindest bisweilen überraschend, die daraus wie scheinbar aus dem Nichts entstehenden Schattenrisse das andere. Bei der Ausstellungseröffnung waren die Silhouetten, Umrisse und Profile, die die Plastiken erzeugen, geraten sie erst einmal in Regung, eindrucksvoll an den Galerie-Wänden zu beobachten. Gepaart mit einem Tonstück, bei der Arbeit im Atelier in Lorsch als inspirierende Note erschallend, machen die Stahl-Kunstwerke voller Anmut und Noblesse vollends vollkommen.

 

Ein Künstler im Steigflug

Plastiken von Jürgen Heinz derzeit parallel in mehreren Städten zu sehen

Heppenheim/Kreis Bergstraße/Region. Noch bis zum 6. März sind die Stahl-Werke von Jürgen Heinz, die aus Skizzen und Zeichnungen heraus entstehen - einige davon zieren den Ausstellungsraum - in der Galerie „la petite“ zu sehen. In die Kreisstadt ist der Metallbildhauer direkt aus München geeilt. In der bayerischen Landeshauptstadt präsentiert der Künstler in der Galerie Benjamin Eck bis Mitte April einige seiner Plastiken unter der plakativen Themenstellung „An Abstract World“. Bei der renommierten Art Karlsruhe ist er einmal mehr vertreten, von diesem Donnerstag an bis einschließlich Sonntag (13.-16.). Weitere Auftritte in naher Zukunft folgen ab März in der Skulpturenhalle in Freiburg im Breisgau (Einzelausstellung) sowie in Kelkheim im Taunus im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung, beide Events bis jeweils in den Mai hinein.

In der UNESCO-Welterbestadt Lorsch hat sich Jürgen Heinz zu Lebzeiten mit den stilisierten Mönchen am Eingangstor, dem Kreisel, quasi schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Mit der Installation „Kommunikation“ ist ihm 2009 nicht nur ein großer künstlerischer Wurf gelungen, die Mönche haben ihm auch einen hohen Bekanntheitsgrad beschert und markieren den Steigflug, den seine Künstler-Karriere seitdem stetig genommen hat. Internationale Ausstellungen und Messe-Auftritte künden davon. Doch ist das Ende der Fahnenstange längst noch nicht erreicht. Das soll seine künstlerische Leistung nicht schmälern. Ganz im Gegenteil. „Weiterkommen“ will er als Künstler, sagt Jürgen Heinz selbst von sich.

Ganz der Kunst verschrieben

Seine vom Vater vererbten „Kämpfer“-Gene kommen da nicht ungelegen. Die frühe Begeisterung für das Schmiede-Handwerk wurde ihm ein Stück weit in die Wiege gelegt, kam er doch im Schlosserbetrieb bei „Heinz Senior“ frühzeitig mit dem Einmaleins der Metallbearbeitung in Berührung. Dass letztlich aus der Begabung des „Juniors“ eine reine (Schmiede-)Kunst im Wortsinn wurde und er sich dieser inzwischen ausnahmslos verschrieben hat, ist einzig dem strebsamen und fast schon rastlosen Dasein von Jürgen Heinz geschuldet - mit viel Herzblut und großer Leidenschaft für das, was er tut. „Anfassen ist simpel, berühren ist eine Kunst“, formulierte Anuschka Göttmann-Eich eingangs bei der Vernissage anlässlich der „Moving Sculptures“-Ausstellung. Und zutreffender könnte die auf das künstlerische Wirken gemünzte Beschreibung nicht sein als bei dem Stahl-Künstler, der - legt man seine Gedichte zugrunde, die erstmals in Auszügen im neuen Künstler-Buch publiziert sind - auch ein Stahl-Poet ist.                                                 ul                                                                                                                                                                                                                                                             

Info-Box: Moving Sculptures, Ausstellung mit Werken des Stahl-Künstlers Jürgen Heinz in der „la petite galerie - Galerie für Zeitgenössische Kunst“ in Heppenheim, Marktstraße 2. Öffnungszeiten bis 6. März: montags 15 bis 18 Uhr, samstags 12-16 Uhr sowie nach Vereinbarung. Kontakt/weitere Informationen unter www.la-petite-galerie.de und atelier-juergenheinz.de

Bildtext

Erlebnis für die Sinne. Eine weitere Ausstellung mit Werken des Stahl-Künstlers Jürgen Heinz ist seit Sonntag in der Galerie „la petite“ in Heppenheim zu sehen. Unsere Bilder zeigen den Metallbildhauer gemeinsam mit dem Kunstkritiker Dr. Roland Held, der bei der Vernissage einen Einblick in das künstlerische Werk gab sowie zusammen mit den Galerie-Inhabern Anuschka Göttmann-Eich und Dirk Eich vor der Plastik „Federleicht“. Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. März. ul/Bild: Ulla Hess