„Ein Wunder an Pracht und Schönheit“
LORSCH. Seit 2020 präsentiert und erläutert das UNESCO Welterbe Kloster Lorsch in der Reihe „Fund des Monats“ immer zum Monatsbeginn in den Räumen des Schaudepots Zentscheune ein Objekt, das bei Ausgrabungen auf dem Klosterhügel geborgen wurde. Im August ist dies ein Fragment aus einem großflächigen, bemalten Wandverputz – sehr wahrscheinlich aus der frühmittelalterlichen Klosterkirche. Expert*innen gehen davon aus, dass das Fragment aus dem 8. bis 10. Jahrhundert stammen könnte. Sicherheit gibt es hier aber keinesfalls. Gefunden wurde es im Bereich einer Baugrube unterhalb des hoch- bis spätmittelalterlichen Infirmariums (Krankensaal der Mönche), deren jüngste Funde dem 13. Jahrhundert zuzuordnen sind. Das bedeutet, dass das Fragment im 13. Jahrhundert bereits ein Bruchstück war und irgendwie in die Baugrube des Mönchskrankenhauses gelangte. Bereits Friedrich Behn hatte in der Nähe der einstigen Basilika größere Mengen an Putzfragmenten mit Malereiresten gefunden. Sie wurden nach Darmstadt gebracht und gingen dort in der Bombennacht vom 11. September 1944 für immer verloren. Heute haben wir nur noch sehr wenige Überreste.

Doch kann die zeitliche Zuordnung des hier beschriebenen Putzstückes infrage gestellt werden. Zweifellos erzählen die hier angeführten Fragmente von der einst reichen Ausstattung der Basilika in benediktinischer Zeit – also der Zeit zwischen der Epoche der Karolinger und der Phase des Umbruchs im 13. Jahrhundert. In diesen Zeitraum fällt die Brandkatastrophe des Jahres 1090, in deren Folge Teile der Klosterkirche abgebrochen und neu errichtet werden musste. Weihedaten belegen die Abschlüsse dieser Baumaßnahmen bis 1130. Im 13. Jahrhundert hingegen mag der Chor der Kirche seinen gotischen Abschluss erhalten und ab 1266 eine ältere Konstruktion ersetzt haben. Dies ist einem Eintrag in den Lorscher Codex zu entnehmen. Unser bemaltes Putzfragment könnte damit auch aus dem 11. Jahrhundert stammen und dem neu errichteten Chorbereich der einst romanischen Basilika zugeordnet werden.

Das Kloster befand sich damals auf einem seiner Höhepunkte politischer, kultureller und wirtschaftlicher Strahlkraft und Macht. Und so wird man im wichtigsten Raum des Klosters, dem Psallierchor und Altarraum, sicher nicht an der Ausstattung gespart haben. Nur ist es leider so, dass uns keine Quelle davon berichtet: „Ein Wunder an Pracht und Schönheit“ sei das Kloster gewesen. Hier und da erfahren wir von Bereicherungen des Kirchenschatzes, der liturgischen Geräte, von Altarverkleidungen und Schmuckfußböden und kostbaren Textilien. Wandmalereien werden nicht erwähnt – zu selbstverständlich sind sie in dieser Zeit. Die Flächen oberhalb der die Seitenschiffe vom Mittelschiff scheidenden Arkaden waren mit Sicherheit ausgemalt, ebenso die Ostpartie. Klosterkirchen wie St. Johann in Müstair oder Reichenau-Niederzell zeigen in eindrucksvoller Weise, wie man sich einen gemalten Wandschmuck vorstellen kann.

Das Besondere an unserem Fragment allerdings ist der Auftrag echten Goldes, wie wir es aus der Werkstatt klösterlicher Zierkünstler oder dem Skriptorium der Abtei kennen, wo es in der Buchmalerei verwendet wurde. In der Wandmalerei hingegen ist die Verwendung von Gold eher ungewöhnlich und kann nur als Hinweis auf die Qualität und den materiellen Aufwand und damit auf die Wohlhabenheit des Klosters verstanden werden.

Leider ist das Fragment zu klein, um erkennen zu können, in welchem ikonographischen Zusammenhang es gestanden haben könnte. Zwei kräftige schwarze Linien laufen auf einen Schnittpunkt zu und grenzen ein rotes Feld von der schwarzgerahmten dreieckigen Fläche ab, die in Gänze vergoldet ist und bis heute noch nichts von ihrem einstigen Glanz verloren hat.

Bildunterschrift
Putzfragment mit Pigment und Goldauflage, Grabung A 11 (2002-2004), Befund 11011.11, Inv. Nr. 3.5.2369, 95 x 71 x, 38 mm