Wissenschaft über Leben und Arbeiten im Frühmittelalter: offene Türen am 12. Mai

LORSCH. Das Freilichtlabor Lauresham im Umfeld des UNESCO Welterbes Kloster Lorsch feiert sein fünfjähriges Bestehen mit einem Tag der Experimentellen Archäologie. Vor Ort – im begehbaren Modell eines karolingischen Herrenhofes – bringen WissenschaftlerInnen und StudentInnen dem interessierten Publikum am Sonntag, den 12. Mai, von 11-17 Uhr Fachthemen nahe und stellen eine Reihe von Projekten vor, die in Lauresham mit Erfolg zur Erforschung des Frühmittelalters betrieben werden. Ein solcher Tag zu praxisbezogenen Aspekten früherer Lebens- und Arbeitsweisen findet zum ersten Mal in Lauresham auch als Tag der offenen Tür statt. Dabei wird das in vielen Erprobungen gewonnene Wissen anschaulich vorgeführt.

Für das Jubiläumsfest wurde unter der Leitung von Claus Kropp ein reichhaltiges Programm organisiert. Dazu gehört auch die Präsentation einer neuen Ausgabe des Magazins zu den Erkenntnissen des Freilichtlabors, Laureshamensia II, durch die Direktorin der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Kirsten Worms. Das neue Heft enthält unter anderem Beiträge zur (Re)konstruktion einer durch das Kuratorium Welterbe Kloster Lorschs finanzierten karolingischen Spatha genauso wie über die Dürre des Jahres 2018 aus der Perspektive frühmittelalterlicher Subsistenzwirtschaft.

BesucherInnen können sich bei einem Rundgang mit den Hausmodellen, der Land- und Viehwirtschaft vertraut machen, den Forschern bei ihren Projektvorstellungen über die Schulter schauen und sich auch selbst beteiligen. Dazu zählen die Rekonstruktion der Ausrüstung frühmittelalterlicher Panzerreiter (loricati milites) sowie eines frühmittelalterlichen, irischen Pfluges für den Ackerbau Es werden Methoden vor- und frühgeschichtlicher Imkerei vorgeführt und die Relevanz von frühmittelalterlichem Ackerbau für das 21. Jahrhundert steht zur Diskussion. Auch zum Raumklima sowie der Heizbilanz in Häusern soll es Informationen geben. Zudem wird die Funktion von Grubenhäusern erläutert, die als eingetiefte Bauten besonders häufig bei Ausgrabungen frühmittelalterlicher Siedlungen entdeckt werden.

Im Stundentakt finden Fachvorträge (in deutscher und englischer Sprache) im Besucherzentrum statt. Der Einladung nach Lorsch folgt der Archäologe Dr. Brendan O’Neill aus Dublin, der um 11:30 Uhr über „Just a little closer: Early Medieval clay crucibles, residue analysis and experimental archeology“ sprechen wird. O’Neill setzt damit die 2018 gestartete Reihe der „Lauresham Lectures“ fort. Dr. Michael Herdick (Mayen) stellt um 12:30 Uhr spätantike Keramiktechnologien und das damit verbundene frühe Unternehmertum vor. Dr. Sonja Guber (Kirtorf) referiert um 13:30 Uhr zu vor- und frühgeschichtlicher Imkerei, besonders zu Rekonstruktion und Betrieb eines ‚Rutenstülpers‘. Dr. Julia Heeb (Berlin) befasst sich um 14:30 Uhr mit Handwerk, Wissenschaft und Vermittlung in archäologischen Freilichtmuseen. Um 15:30 Uhr präsentiert Tim Meharg ein Thema mit dem Titel: “Going underground: constructing, experiencing, and analysing an early medieval Irish souterrain”. Ebenfalls im Besucherinformationszentrum werden Poster von Nils Schäkel gezeigt: „Neolithische Reibsteine – Experimentelle Archäologie und virtuelle 3D-Modellierungen“.

Zusätzlich informieren Stände verschiedener Kooperationspartner und Unterstützer in Lauresham über ihre Arbeitsbereiche: Heinrich-Metzendorf-Schule Bensheim (Kooperation Grubenhausprojekt); Verein Altbergbau Bergstraße-Odenwald e.V.; EXARC – Europäisches Netzwerk experimentalarchäologisch arbeitender Einrichtungen; Museumsdorf Düppel (Berlin); Kuratorium Welterbe Kloster Lorsch e.V.; Förderkreis Große Pflanzenfresser im Kreis Bergstraße e.V.; Initiative Nibelungenkorn; Zeiteninsel – Archäologisches Freilichtmuseum Marburger Land; Universität Halle (mit dem DFG-Projekt zu Wölbäckern).

Im Jahr 2014 war das Experimentalarchäologische Freilichtlabor als begehbares 1:1-Modell eines vielseitigen Gebäudeensembles auf einer Fläche von 4,1 Hektar eröffnet worden. Es stellt einen idealtypischen Herrenhof des 8./9. Jahrhunderts dar, der Wohn-, Wirtschafts-, Stall- und Speicherbauten sowie eine Kapelle umfasst. Hinzu kommen Wiesen, Äcker und Gärten sowie Nutztiere. Damit wurde in Lauresham – als einzige Stätte dieser Art in Hessen – ein Forum für die experimentalarchäologische Forschung geschaffen mit dem Ziel, verschiedene Arbeitstechniken des Handwerks und der Landwirtschaft auszuprobieren bzw. wissenschaftlich zu erforschen. Mit dem Herrenhof lässt sich zudem das für frühmittelalterliche Gesellschaftsstrukturen so wichtige Thema der Grundherrschaft vermitteln.