Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip“

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und gehört zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr zur Hauptursache der Todesfälle bei Frauen in den westlichen Industrienationen. Etwa drei Viertel der neu diagnostizierten Brustkrebsformen gelten als hormonabhängige Tumore. Zielgerichtet gegen die Bindungsstellen (Rezeptoren) der weiblichen Geschlechtshormone, Östrogen und Progesteron, können diese Tumore mittels antihormoneller (endokriner) Therapie heute sehr wirksam behandelt werden. Bei der Hormontherapie mit Antiöstrogenen wird nicht die Östrogenproduktion gestoppt, sondern die Wirkung des Östrogens auf die Tumorzellen blockiert. Antiöstrogene besetzen die Bindungsstellen hormonabhängiger Tumorzellen, an die sonst die Östrogene andocken und den Wachstumsreiz auslösen. Ist der Rezeptor auf diese Weise blockiert, kann das Östrogen nicht mehr ankoppeln und somit seine Wirkung nicht entfalten. „Wenn man die Rezeptoren also blockiert, unterbindet man den Wachstumsreiz und kann die Tumorzellen so regelrecht aushungern“, erklärte Dr. med. Bettina Müller, Oberärztin am Brustzentrum der GRN-Klinik Weinheim, am 10. Juli in ihrem Vortrag „Was gibt es Neues zum Brustkrebs? Antihormonelle Therapie für wen und wie lange?“ aus der Reihe „Was Frauen bewegt“. Vor rund 100 interessierten Besucherinnen und Besuchern ergänzte die Gynäkologin: „Die antihormonelle Therapie ist eine sehr erfolgversprechende Behandlungsform. Noch effektiver wird sie durch die Kombination mit verschiedenen Antikörpern. Eine Chemotherapie kann dadurch verschoben und bestenfalls sogar vermieden werden.“

In der Tat: Ein großer Teil der Verbesserung der Prognose nach Brustkrebsdiagnose in den letzten Jahren ist der endokrinen Therapie zuzuschreiben. Eine Standardtherapie gibt es noch nicht. Allerdings hätten wichtige Erkenntnisse über die Therapiedauer zu Neuerungen in der Therapie geführt, so Dr. Müller. Als Wirkstoffe kommen Antiöstrogene wie zum Beispiel Tamoxifen oder Fulvestrant zum Einsatz – Gegenspieler des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen – oder Aromatasehemmer, die nach der Menopause die Bildung von Östrogen im Körper der Patientin unterdrücken. Für die Tumorzellen laufen beide Therapievarianten auf das Gleiche hinaus: Die Vermehrung der Krebszellen kommt zum Stillstand oder verlangsamt sich immerhin deutlich. „Wir können, je nach Eigenschaften des Tumors und eventuell bestehenden Begleiterkrankungen, das am besten geeignete Medikament auswählen“, so Dr. Müller. Ganz wichtig für die Weinheimer Gynäkologin: „Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip der Chemotherapie, hin zur individuellen, wirkungsvollen und zielgerichteten Tumortherapie.“ Das Hauptaugenmerk liegt für Dr. Müller auf der Nutzung von immer genaueren Angriffspunkten für die Behandlung. Die Behandlungsansätze sollten gezielt nur die Abläufe in den bösartigen Zellen beeinflussen, ohne dabei die gesunden Zellen zu schädigen.

Entsprechend anders, aber dennoch nicht unerheblich sind auch die Nebenwirkungen – im Vergleich zum „Gießkannenprinzip“ der Chemotherapie. Die endokrine Therapie kann mit Wechseljahresbeschwerden einhergehen: Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Übelkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, depressiven Verstimmungen, vaginalen Blutungen, Knochenschwund, Müdigkeit – hinzu kommen Thrombosen und psychische Beeinträchtigungen. Was dagegen hilft? Auch dafür hatte Dr. Müller Tipps parat: Über allem stehe aber eine Lebensstilveränderung. Regelmäßiger Sport und die Umstellung der Ernährung seien immens wichtig. „Wir lassen unsere Patienten damit nicht alleine. Es gibt einige Möglichkeiten, die Beschwerden abzumildern.“


Weitere Termine der Vortragsreihe „Was Frauen bewegt“ 2019 im Überblick:

  1. Oktober: Komplementärmedizin bei Krebserkrankungen – Hilfe zur Selbsthilfe
    27. November: Die ku(e)mmernden Angehörigen – durch Achtsamkeit den Krebs bewältigen


Die Veranstaltungen finden jeweils mittwochs im Ärztehaus II, Röntgenstraße 3, Raum Florenz, statt und beginnen um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Bildunterschrift: Oberärztin Dr. med. Bettina Müller setzt bei Brustkrebs unter anderem auf die antihormonelle Therapie. Rezeptoren werden blockiert, Tumorzellen hören auf zu wachsen. Im Rahmen der Vortragsreihe „Was Frauen bewegt“ referierte sie in der GRN-Klinik Weinheim. (Foto: Callies/GRN)