Mehr als 100 Bergsträßer haben am Evangelischen Kirchentag in Stuttgart teilgenommen, der nach fünf Tagen am Sonntag mit einem Abschlussgottesdienst zu Ende gegangen ist. Die Evangelische Jugend Bergstraße hatte eine Gruppenreise organisiert und war allein mit 40 Jugendlichen angereist. Das Motto des Kirchentages lautete: „damit wir klug werden“.

Auf dem Markt der Möglichkeiten hatte Dekanatsjugendreferent Bruno Ehret mit 15 Jugendlichen ein Jugendcafe eingerichtet. Dort stellten die Bergsträßer Projekte der Jugendarbeit in verschiedenen Kirchengemeinden vor. „Bei den heißen Temperaturen singen sie sich dort den Schweiß von der Stirn. Unsere Jugend hat sich einen Ventilator zugelegt. Damit wird das Café zum beliebtesten Ort auf in den Zelthallen“, berichtete Stefanie Becker vom Heppenheimer Haus der Kirche nach ihrem Besuch im Jugendcafe, das auch der Bergsträßer Dekan Arno Kreh aufsuchte.

Thematisch war die Flüchtlingspolitik ein Schwerpunkt des Kirchentages. In einer Podienreihe zu Migration und Menschenrechte wurden legale Fluchtmöglichkeiten nach Europa gefordert und das Kirchenasyl gegen Kritik verteidigt. Dabei kamen auch immer wieder Betroffene zu Wort. Die aus Syrien stammende Maya Alkhechen berichtete von ihrer sieben Tage und sechs Nächte dauernden Flucht über das Mittelmeer nach Europa und sagte: „Ich bin den Schleppern dankbar. Ohne sie hätte es für mich keinen Weg nach Europa gegeben“. Ute Gölz, Kirchenvorsteherin in Wald-Michelbach, besuchte nicht nur die Veranstaltung "Migration ist Vielfalt" mit dem – wie sie meinte – „Vorzeige-Schwaben“ Cem Özdemir. Sie schlüpfte auch in ein Lutherkostüm, mit dem sie für den nächsten Kirchentag zum 500. Reformationsjubiläum 2017 in Berlin warb. „Wir hoffen dann auf ein Wiedersehen“, betonte die Odenwälderin.

Christlich Satirische Unterhaltung (CSU) bot der in Rimbach lebende Pfarrer Maybach mit seinem aktuellen Programm „Viva la Reformation“. Der große Saal im Rathaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Kabarettist und Pfarrer, der mit vollständigem Namen Ingmar von Maybach-Mengede heißt, erntete lautstarke Lacher, als er behauptete, die Springer-Presse habe das vollendet, was Luther begonnen habe. „Die BILD-Schlagzeile ,Wir sind Papst` ist nichts weiter als die konsequente Weiterentwicklung des protestantischen Grundsatzes vom Priestertum aller Gläubigen.“

Die Christoffel Blindenmission, die in Bensheim ihren Sitz hat, hatte auf dem Stuttgarter Schlossplatz mit mehr als 350 in rote Plastiksäcke gehüllten Menschen ein 40 Meter großes Ausrufezeichen gebildet. Vor Beginn des G7-Gipfels auf Schloss Elmau wollte sie darauf aufmerksam machen, dass behinderte Menschen in den Zielen zur Armutsbekämpfung, Gesundheit, Katastrophenvorsorge und Nothilfe sowie Geschlechtergerechtigkeit bislang nicht erwähnt wurden.

Der Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger aus Rimbach hatte mehrere Auftritte beim Kirchentag. Unter anderem präsentierte er gemeinsam mit dem hessisch-nassauischen Kirchenpräsidenten Dr. Volker Jung Kirchenlieder aus Hessen, mit denen die Reformation weitergesungen werden soll. Publikumsmagnet war die frühere Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, die vor 10.000 Zuhörern in der Martin-Schleyer – darunter viele Bergsträßer – fragte: „Wovon werden wir nun klug? Indem wir auf Kirchentagen von- und miteinander lernen und Alternativen zur Wachstumsgesellschaft entwickeln“.

Die roten Kirchentagsschals mit dem Aufdruck des Mottos aus Psalm 90 „damit wir klüger werden“ waren in den fünf Tagen stadtbildprägend. Auf dieses Motto spielten immer wieder viele der rund 100.000 Gäste des Kirchentages an, wenn sie sich mit den Worten begrüßten wie „Na, schon klüger geworden!?“ oder „Wie klug bist du geworden?" Der SPD-Vordenker Erhard Eppler, der seit 1967 an den Evangelischen Kirchentagen mitwirkt, sagte bei einer Bibelarbeit: „Jeder trägt selbst Verantwortung dafür, ob wir klüger werden in einer Gesellschaft, in der man viel Geld verdienen kann, wenn man Menschen dumm macht. Wir sind nicht klug. Wir werden klug, wenn wir uns anderen Menschen zuwenden und die Grenzen der eigenen Fähigkeiten erkennen.“ Eppler erklärte am Ende der Veranstaltung, dass dies seine letzte aktive Mitwirkung an einem Evangelischen Kirchentag gewesen sei. 2017 in Berlin habe er – wenn er bis dahin noch lebe - seinen 90.Geburtstag hinter sich. „Da reist man nicht mehr so gern“. Das Publikum verabschiedete ihn mit stehenden Ovationen.

Die Organisatoren des Kirchentages bewiesen einmal mehr, dass sie bei aller Ernsthaftigkeit der Debatten auch über sich selbst lachen können. Über einer Toilettenanlage stand in großen Lettern: “Klug*pfui*recke“.

Bildunterschrift: Dekan Arno Kreh (2v.r.) und Dekantsjugendreferent Bruno Ehret (rechts) im Jugendcafe der Evangelischen Jugend Bergstraße