Unter Anleitung von Stahl-Künstler Jürgen Heinz entstehen selbst geschaffene Werkstücke

Von Ulla Hess

Lorsch/Bergstraße/Region. In der Ecke lodert ein Schmiedefeuer, gezielt gesetzte Hammerschläge durchdringen den Raum, Funken fliegen beim Schweißen und Schleifen, um saubere Kanten hinzubekommen, die Säge lärmt beim passgerechten Zuschnitt, mittels des angeworfenen Bohrers lassen sich bis auf den Millimeter genau feine Löcher fertigen. Schutzbrillen, Schürzen, Handschuhe, Ohrenschützer und Arbeitskittel werden gegen feinen Zwirn eingetauscht. Zangen, Feilen, Zollstock und Schraubstock wechseln im Minutentakt ihren Besitzer: Im Atelier von Jürgen Heinz - ansonsten ein One-Artist-Akt - herrscht am Freitag und Samstag eine eher ungewohnte vielfüßige Betriebsamkeit. Und das hat seinen guten Grund: Es ist einmal mehr Zeit für ein Werkstatt-Seminar unter der Leitung des Metallbildhauers. Der Schmiede-Kurs - ob Anfänger oder Fortgeschrittene - ist inzwischen zu einer guten Tradition geworden. Dieses Mal hat sich mit Stephanie Türck, Kirsten Georg, Thomas Riek und Ulla Hess ein Quartett zusammengefunden.

Weißt du schon, was es wird? Was willst du machen? Ideenfindung ist am ersten Morgen angesagt. Dafür begeben sich die Teilnehmer des Workshops auf „Spurensuche“, die als Ansporn und Herausforderung gleichermaßen als plakative Überschrift über dem Intensivkursus steht. Wenn das Wetter an diesem Morgen auch lausig ist, trotzt die Gruppe dem Regen. Von Heinz‘ Atelier in der Nibelungenstraße führt der Weg schnurstracks Richtung Königshalle - am Alten Rathaus vorbei über den Benediktinerplatz mit seinen Marktständen, die jeden Freitag ihre Zelte in der Klosterstadt aufschlagen. „Halt, da ist doch was!“ - flugs wird das Relikt, das den Ausgangspunkt für die künstlerische Arbeit bilden könnte, im Bild festgehalten. Da werden Pflastersteine fotografiert, mit Moos bewachsene Baumstämme abgebildet, altes Mauerwerk mit buckeligen Steinen mit der Kamera eingefangen. Oder auch einfach das, was die Natur so alles hervorbringt. Überbleibsel von Pflanzen, Zweige, kleine Äste, ein Regenwurm. Es gibt so viel zu entdecken, man muss nur mit offenen Augen die Umgebung erkunden. Dem geschulten Blick von Jürgen Heinz entgeht nichts. Für ihn ist diese Art der Wahrnehmung zentraler Bestandteil seiner Arbeit.

 

Die Ideen reifen ...

Zurück im Atelier wird das Gesehene mit dem Bleistift auf einem Blatt Papier skizziert. Die Vorstellungen über das, was ein jeder machen möchte, reifen. Es kann an die Umsetzung gehen - kein leichtes Unterfangen, das die Workshop-Teilnehmer zwei Tage beschäftigen und in Atem halten wird. Um das zu bewerkstelligen ist Werkkunde angesagt, werden die Gerätschaften erklärend in Beschlag genommen. Am Amboss wird ein Stück Stahl mit dem Schmiedehammer bearbeitet, das zwischendurch immer wieder in die Glut der Esse gehalten wird, um es auf die optimale Schmiedetemperatur zu bringen. Ein Stück Metall wird unter derart großer Kraftanstrengung auseinandergebogen und geformt, dass Steffi am nächsten Morgen ihre Knochen spürt. Zu zweit geht es besser. Gegenseitiges Helfen in der Gruppe ist eine Selbstverständlichkeit. Jeder will, von Ehrgeiz gepackt, vorankommen - im Schulterschluss gelingt es.

Freitagabend war Halbzeit - sozusagen. Da gab es einen ersten Einblick in die Arbeit der „Lehrgangs“-Teilnehmer, die Metall - genauer gesagt Stahl - als Material und Werkstoff für ihre Kunstwerke ins Herz geschlossen haben. „Gewerkelt“ wurde an Tag eins, als es draußen längst dunkel geworden ist. Der klingt mit einem Abendessen im benachbarten „Back- und Brauhaus“ aus. Gemeinschaft wird groß geschrieben, das schweißt im Wortsinn nicht nur die Metallteile zusammen, sondern auch die drei Frauen und zwei Männer. Zuvor, mal eben zwischendurch, eilt der Metallbildhauer in Heppenheims Altstadt, um in der Galerie „la Petite“ eine gerade zu Ende gegangene Ausstellung abzubauen.

 

... die Stunden rinnen

Am nächsten Morgen meint es der Wettergott gut. Die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Fensterscheiben, an denen wildgewachsenes Efeu urig ins Innere ragt. Bei Lichteinfall betrachtet, kommt die Besonderheit des Ateliers des Stahl-Künstlers, unweit des UNESCO-Welterbes Kloster Lorsch, noch intensiver zum Vorschein. Unten die Werkstatt, oben die ausgebaute Galerie mit den aneinandergereihten Plastiken von Jürgen Heinz, die auch im Hof und in der Werkstube ihren Platz haben. Immens von der Gesamtgröße, beeindruckend von der Höhe der zwei mit alten Balken durchzogenen Ebenen, faszinierend die spürbar-ergreifende Atmosphäre. Jeder darf sich hier frei bewegen. Weiter geht’s mit der Schmiedekunst. Wie besessen, sehen die kleinen Kunstwerke ihrer Vollendung entgegen. Die Stunden rinnen in der Heinzschen Schmiede. Am Ende trägt jeder sein eigenes Werk nach Hause - nicht ohne Zufriedenheit und Stolz. Zwei Tage des intensiven und konzentrierten Arbeiten voller Herausforderungen und Anstrengungen, gepaart mit Freude, Spaß und des Philosophierens, liegen hinter den Teilnehmern. Drei von ihnen - Kirsten, Steffi und Thomas - sind alte Hasen, wenn man so will, und kommen jedes Jahr ins Atelier. „Eine Familie für eine begrenzte Zeit“ sei es, sagt Jürgen Heinz. Ein selbst geschaffenes Werkstück in den Händen zu halten, ist eine einmalige Sache. Keines schaut gleich aus, jedes ist ein Unikat. Kleine bis mittelgroße Plastiken und ein Relief sind entstanden - in unterschiedlichen Techniken. Tags darauf hallt bei den Teilnehmern das Erlebte noch immer nach. Die Arbeiten finden ihren Platz zuhause, Fotos und Schnappschüsse werden ausgetauscht.                                                                                                                                            

 

„Konkret bewegt“ in Freiburg

Derweil ist der Stahl-Künstler gedanklich bereits in den Vorbereitungen für die bevorstehende nächste Ausstellung. Die teils verpackten Exponate lassen es erahnen. Ab kommenden Sonntag (15.), bis in den Mai hinein (3.), zeigt Jürgen Heinz seine „Moving Sculptures“ in Freiburg - in der Skulpturenhalle im Stadtteil Zähringen. Den Ruf der Stiftung für Konkrete Kunst hat Heinz durch einen persönlichen Kontakt mit Roland Phleps bei der Art Karlsruhe im vergangenen Jahr ereilt. Ergebnis des Zusammentreffens mit dem Stifter und Stahlbildner ist nun die als solche betitelte Ausstellung „Konkret bewegt“. 1997 hat Phleps die gemeinnützige Stiftung gegründet - mit der Zielsetzung der Förderung Konkreter Kunst. Seitdem bietet er in der zwei Jahre später fertiggestellten Skulpturenhalle eine Plattform für Künstler, ihre Werke einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Für Jürgen Heinz ist es im ersten Quartal des Jahres bereits die vierte Ausstellung - nach der noch bis zum 18. April laufenden Gemeinschaftsausstellung in München, der Art Karlsruhe und der Kreisstadt.                                                                                                                   ul

Info-Box: Informationen über den Stahl-Künstler und die bevorstehenden Ausstellungen: www.atelier-juergenheinz.de

Bildunterschrift: Thomas Riek, Ulla Hess, Kirsten Georg, Jürgen Heinz, Stephanie Türck (von links). Bild: Stefan Ostheimer