Zeit für Gedichte an Hoftoren

Das Phänomen der Zeit ist offensichtlich eines, was Dichterinnen und Poeten durch die Jahrhunderte immer wieder inspirierte und beschäftigt hat. Doch auch Laien scheinen fasziniert von der Zeit und allem, was damit zusammenhängt, wie die diesjährige Aktion „Poesie fürs Hoftor“ zeigte. Mit fast 120 Einsendungen ist die neueste Ausgabe der beliebten Hoftorgedichte diejenige mit der bislang stärksten Beteiligung. „Spannend, wie vielfältig dieses Thema betrachtet wird und besonders toll, dass auch wieder eine Klasse der Wingertsbergschule dabei ist“, freuen sich die Organisatorinnen im KULTour-Amt.

Es geht um Lebenszeit und Zeitenwende, den Zahn der Zeit und um vertane Zeit, um Zeitdiebe und Jahreszeiten, um geschenkte, verschwendete, verlorene und vergangene Zeiten. Die Kinder nahmen Begriffe wie Lesezeit, Familienzeit, Sommerzeit, aber auch die Zukunft oder die „Harry-Potter-Zeit“ zum Anlass, um zu dichten.

„Die Hoftorgedichte selbst spielen ja auch mit der Zeit“, schmunzeln die Damen vom KULTour-Amt. „Denn die Leute verlangsamen ihre Schritte, bleiben stehen, nehmen sich die Zeit zu lesen, vielleicht auch noch jemanden dazu zu holen, sich auszutauschen oder vorlesen.“ Damit wirkt die Lorscher Hoftorpoesie wie ein Entschleuniger im Stadtgeschehen, überall bleiben die Leute unvermittelt stehen. Und meistens gehen sie mit einem Lächeln im Gesicht weiter.“

Das ist es auch, was die Aktion bewirken möchte: beiläufig und unkompliziert soll diese „Lyrik to go“ in den Alltag des öffentliche Lebens einfließen. „Oftmals werden Gedichte für kompliziert und verkopft gehalten. Aber Poesie hat ganz viel mit Rhythmus und Klang zu tun und damit, dass man in einer sehr kurzen Form und treffenden Worten ein Bild zeichnet, wozu ein Roman zwei oder drei Seiten braucht. Noch dazu lässt ein Gedicht der eigenen Phantasie oftmals viel mehr Raum als ein Prosatext“, erklärt Kulturamtsleiterin Gabi Dewald, warum Lorsch diese Aktion nun schon zum sechsten Mal durchführt. „Und das geschieht hier alles nebenbei, auf dem Weg zum Metzger, zum Doktor oder ins Café – die Leute mögen die Aktion. Und auf umliegenden Gemeinden wirkt unser ungewöhnlicher Einsatz für die Lyrik anregend – super!“ Doch Lorsch hat einen ganz speziellen und authentischen Grund dafür. Denn mit ihrem vielgliedrigen Bienen- und Dichterprojekt, dessen Teil die Hoftorgedichte sind, knüpft die Klosterstadt an den berühmten Lorscher Bienensegen an und baut auf diesem einzigartigen Fundament auf.

Wie immer hängen die Hoftorgedichte vom Frühling bis etwa zum Johannisfest, ehe sie wieder eingesammelt werden. In der TouristInfo (Altes Rathaus) und im KULTour-Amt (Stiftstraße 1) können Listen abgeholt werden, wo überall in Lorsch sich ab sofort Hoftore mit Gedichten über die Zeit befinden.